Die fünf Phasen der Kritikakzeptanz

„Über die Wichtigkeit von Beta-Lesern“ oder „Die fünf Phasen der Kritikakzeptanz“

Das Manuskript ist fertig geschrieben. Jetzt kommt die Zeit der Testleser. Zuerst Eltern, Verwandte und Freunde. Das ist gut fürs Ego, weil sich die Kritik in Grenzen hält. Aber es ist nicht gut für den Text, weil er dadurch nichts gewinnt.

Nun wäre es optimal, als zweite Beta-Leser Profis an der Hand zu haben, die sich nicht scheuen, Schwachstellen schonungslos aufzuzeigen. Denn das Leben da draußen – auf der freien Wildbahn – ist kein Ponyhof! Solche Profis findet man am ehesten bei Schreibseminaren, auf Schreibseiten im Internet oder bei Schriftstellervereinigungen.

Ich hatte bei meinem ersten Krimi das Glück, zuerst die Akzeptanz und liebevolle Annahme durch Familie und Freunde zu haben, um mich dann zu trauen, das Manuskript an mir nicht so nahe stehende Personen zu geben. Da war die Resonanz gleich ganz anders. Danke an die „Mörderischen Schwestern“.

Natürlich ist es nicht leicht, Kritik anzunehmen. Bei mir läuft es immer in fünf Phasen ab. Zuerst kommt mal das „Nicht-wahrhaben-wollen“. Nein, das stimmt nicht, was X da schreibt. Die Figur ist doch wunderbar charakterisiert, ihre Handlungen sind durchaus nachvollziehbar und der Stil ist flüssig. Kurz darauf kommt „Wut“. X hat doch überhaupt keine Ahnung, was ich mit dieser Handlung bezwecken wollte, der bekommt nichts mehr zu lesen. Dritter Schritt ist „verhandeln“. Ich muss X erklären, was ich damit erreichen will, vielleicht kapiert er es dann. Statt Depression kommt dann die „Einkehr“, das Überdenken mit dem Versuch, persönliche Gekränktheit außen vor zu lassen. Und dann endlich kommt die „Akzeptanz“. Oh mein Gott, X hat recht, was für ein Schwachsinn! Wie konnte ich nur so betriebsblind sein!

Früher dauerten diese Phasen etwas länger, da war es noch schwieriger, das eigene Ego schwächeln zu lassen. Jetzt, seit ich verstehe, dass ich davon nur profitiere, laufen die Phase schon während des Lesens der Anmerkungen in meinem Hirn ab.

Wichtig ist auch: Was nehme ich an und was lasse ich teflonartig an mir abprallen? Bei meinem zweiten Thesi Valier-Krimi sagten alle Testleserinnen über eine Schwachstelle am Ende haargenau das Gleiche. Hier ist es natürlich klar, dass ich das ändern werde. Aber was soll man tun, wenn sie sich widersprechen? Oder man mit einem Kritikpunkt – selbst nach den fünf Phasen der Kritikakzeptanz – einfach nicht leben kann? Dann hat der Autor immer noch die Letztentscheidung und sollte sich nicht verrückt machen lassen. Das kommt dann früh genug im Lektorat.

Also, Kritik tut weh, ist aber für ein Werk unabdinglich, damit es besser wird. Und noch etwas, Testlesen ist ein Geben und Nehmen. Wer ständig nur nimmt, wird bald nichts mehr bekommen. Und ich bin selbst gerne Beta-Tester, weil man da ungemein viel lernt.

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3 Gedanken zu „Die fünf Phasen der Kritikakzeptanz

  1. :-)) Genauso hab ich mir das vorgestellt. Darum ist das Testlesen bei mir auch immer mit schlechtem Gewissen verbunden.
    Meine fünf Phasen des Beta-Lesens:
    1. Aha, da hakt’s. Woran liegt’s? 2. Ojeh, viel zu viele Anmerkungen, ich muss was streichen, sonst ist Y beleidigt. 3. Wenn ich die Kritik genau erkläre, dann wird Y sie verstehen. 4. Dadurch werden die Anmerkungen noch größer :-(( 5. Ich profitiere auch von ehrlicher Kritik, Y wird es genauso gehen, also Augen zu und hoffen, dass Y mich nicht dafür hasst.

  2. Hat dies auf g:textet rebloggt und kommentierte:
    Meine liebe Freundin und Kollegin Elis Fischer und ich haben schon so manchen gegenseitigen Testlesedurchgang hinter uns gebracht. Unsere unterschiedlichen Ansätze ergänzen sich dabei und wir kritisieren unsere Texte ehrlich, aber nicht schonungslos. Genau darin liegt meiner Ansicht nach das Geheimnis funktionierender Testleserschaft. Kritisiert wird ein Text, nicht eine Person und Offenheit ist nicht schonungslos, sondern immer respektvoll.

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