The Great Binge – Als Opium, Heroin und Kokain in der Apotheke verkauft wurden

Aleister Crowley, ein Protagonist meines letzten Romans, bekam gegen sein Asthma Heroin. Ob er deswegen zu diesem absonderlichen Okkultisten wurde, der er war, oder ob er schon davor die Lizenz zum Wirrsein hatte, sei dahingestellt. Interessant wäre es trotzdem zu wissen, wie viel Wahnsinn des Fin de Siècle, des Ersten Weltkriegs und der Zwischenkriegszeit auf die Behandlung diverser Krankheiten mit Opium, Heroin und Kokain zurückzuführen ist.

Die Zeit zwischen 1870 und 1914 wird von den Historikern „The Great Binge“ genannt. Damals wurden viele – heute verbotene – Drogen entdeckt, die man exzessiv meist in Kombination mit starkem Alkohol wie zum Beispiel Absinth konsumierte.

Absinth

Und das wahrscheinlich während einer Röntgen-Party, wo man sich zur Belustigung aller beim Tanzen durchleuchten lassen konnte.

Roentgenparty

Aber Drogen wurden nicht nur zum Vergnügen genommen, auch Ärzte verschrieben sie. Gern und viel.

Der Siegeszug von Heroin

1897 entdeckte ein Chemiker der Firma Bayer die Substanz Diacetylmorphin. Er versuchte aus Morphinen das – damals für ungefährlich gehaltene – Codein zu extrahieren und stieß dabei auf Heroin. Seine Chefs waren begeistert und ein Jahr später, nach ein paar Versuchen an Meerschweinchen, Katzen, den Werksangehörigen und deren Kindern, wurde das Mittel ohne gründliche klinische Tests auf den Markt gebracht.

Das Wundermittel erhielt den von Bayer geschützten Namen „Heroin“, weil es eine „heroische“ Neuentwicklung war, die scheinbar so ziemlich alles heilen konnte.

HeroinBayer

Heroin wurde unter anderem dafür benutzt, Süchtige von ihren anderen Drogen fern zu halten. Vor allem sollte es ein Substitut für das abhängig machende Schmerzmittel Morphium sein. Außerdem wurde es für leichte und schwere Krankheiten wie Halsschmerzen, Menstruationsbeschwerden, Migräne, Bronchitis bis hin zu Multipler Sklerose verschrieben.

Leider verwandelte sich das extrahierte Heroin, wenn es dem Körper zugeführt wurde, wieder in ein Morphin und überwand dann noch schneller die Blut-Hirn-Schranke als Morphium. Bayer hatte also einen Weg gefunden, die Wirkung von Morphium noch schneller und effektiver zu machen.

Jahrzehntelang und tonnenweise verkaufte Bayer Heroin in der gesamten Welt. Wie konnte Heroin zu diesem internationalen Bestseller werden? Wieso fiel es niemanden auf, dass die Konsumenten betäubt und abhängig wurden. Oder war die Zeit so, dass sie nur mit Hilfe von Heroin zu ertragen war?

Bis in die 1930er-Jahre produzierte Bayer Heroin und wurde somit der größte Heroinhändler der Welt. Die Manager von Bayer waren von ihrem Mittel und natürlich den Gewinnen begeistert und Ärzte priesen es als „sicheres Arzneimittel mit „zauberhafter Wirkung“, hilfreich gegen Husten, Schmerzen und allerhand andere Gebresten (Gebrechen).“ Vom Baby bis zum Pensionisten – alle konsumieren Heroin: als Pulver, Mixtur, Saft und es gab sogar heroingetränkte Tampons.

Gegner und Skeptiker wurden mundtot gemacht und Bayer initiierte eine großangelegte Marketingkampagne, die bis nach China reichte. Man versorgte unzählige Ärzte mit Gratisproben, gab Studien bei gutgesinnten Instituten in Auftrag und schaltete Anzeigen, die Ärzten vorschlug, Morphinismus mit Heroin zu heilen.

Auch Alpinclubs empfahlen das Mittel vor einer Tour ins Hochgebirge. Das könnte der erste Berührungspunkt von Aleister Crowley mit Heroin gewesen sein, denn auch er war begeisterter Alpinist und nahm 1902 an der versuchten Erstbesteigung des K2 teil. Egal, was man tat, egal was man hatte, in dieser Zeit kam anscheinend niemand an Heroin vorbei – Heroin half immer und überall.

Der negative Effekt von Heroin blieb lange unentdeckt, weil es zumeist in kleinen Mengen und oral benutzt wurde. Das führte zu leichter Euphorie und noch nicht zur Abhängigkeit. Das Mittel war außerdem frei erhältlich, es gab also keine Beschaffungskriminalität und es wurde noch nicht gestreckt, so kam es zu keinen Vergiftungen.

Erst als in den USA erste Süchtige – sogenannte Heroinisten – auftauchten, wurde der Verkauf erschwert. Doch auf dem Schwarzmarkt florierte der Handel weiter.

Hoffman-La Roche z. B. lieferte Heroin an Schmuggler und verschiffte alle gängigen Drogen als „harmlose Chemikalien“. 1927 kam es deswegen zu einem Gerichtsverfahren gegen den Konzern.

1931 wurde der Heroin-Handel der Firma Bayer endgültig gestoppt, das Mittel „Heroin“ verschwand von den Verschreibungszetteln und aus den Apotheken in die Illegalität.

Aber nicht nur Heroin auch Opium und Kokain wurden lange Zeit als Heilmittel eingestuft.

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Man nahm Opium zur Entspannung, für gesteigerte Kreativität und zur Schmerzlinderung. 1830 exportierte die Türkei um die 11.000 Kilogramm Opium nach England und 12.000 Kilogramm in die USA. Daraus wurde Hustensaft erzeugt, der auch schon fünf Tage alten Babys verabreicht wurde (siehe Foto). Außerdem gab es opiumgefüllte Hustenpastillen und eine Asthmakur mit Opium.

Opium

Laudanum, ein Vorläufer des Aspirins, war ein Mittel auf Opiumbasis. Doch wurde es lange vor der Binge-Ära entwickelt und zwar von Paracelsus, der glaubte, damit ein Allheilmittel gefunden zu haben. Besonders zur Jahrhundertwende kam es wieder stark in Mode, führte aber zu starker Abhängigkeit und wurde Ende der 1920er-Jahre im Zuge der Opiumgesetze europaweit verboten.

Vom Kokain-Wein zum Coca Cola

Um 1860 produzierte der italienisch-französische Apotheker Angelo Mariani einen Wein, der mit Coca-Extrakt versetzt war. Dieser „Mariani Wein“ versprach Nervenstärke, Kreativität und Lebensfreude. Marketingmäßig sehr clever versandte Mariani Gratisproben an europäische Prominente, wie z. B. den Papst, und druckte deren Dankschreiben als Inserate in Zeitschriften.

Mariani_pope

So findet sich Papst Leo als Werbeträger für Mariani Weine wieder und er verlieh Mariani sogar eine Vatikanische Goldmedaille für sein Produkt. Prediger, Schauspieler, Lehrer und Sänger verwendeten den Wein als Aufputschmittel. Selbst das deutsche Militär empfahl 1886 den Coca-Wein als Verpflegung für ihre Manöver.

Ein anderes Produkt mit Coca-Blättern überflügelte aber Marianis Wein. Ein gewisser John Stith Pemberton, seines Zeichens morphiumabhängiger Pharmazeut, mixte um 1880 sein „French Wine Cola“. Das alkoholhaltige Getränk stieß bald auf den Widerstand der amerikanischen Abstinenzler-Bewegung. Obwohl Kokain doch im Ruf stand Alkoholismus zu heilen.

Aufgrund der Prohibition, die der Binge Ära den Kampf ansagte, ließ Pemberton schließlich den Alkohol weg und setzte stattdessen eine Zuckerlösung zu. Sein neues Getränk „Coca-Cola“ bewarb er als wertvolle Hirnnahrung, die gegen Symptome wie Kopfschmerzen, Neuralgien, Hysterie und Melancholie half. Das enthaltene Kokain sorgte dafür, dass Pemberton bald viele verlässliche Kunden hatte. Erst 1903 wurde den Coca-Blättern das Kokain entzogen und Pemberton musste sich neue Kundschaft suchen. Der Ruf des Verruchten blieb an Coca-Cola haften und das zog die amerikanische Jugend an, die das Getränk dann zu einem Welterfolg machte.

Cocaindrops

Was von dem, das wir heute tagtäglich zu uns nehmen, wird in 100 Jahren als Irrglauben belächelt werden – so wie diese Kokain-Zahnschmerztabletten? Unsere Fertignahrung mit den unzähligen (ungeprüften) chemischen Zusatzsoffen und Zutaten, die auf Feldern wachsen, die von Monsanto-Produkten totgespritzt wurden? Unsere Arzneien, die wir und unsere Kinder nehmen, ohne zu wissen, ob sie a) notwendig oder b) schädigend sind?

Wir sollten die chemische Industrie mehr hinterfragen und nicht nur vertrauensvoll und blind konsumieren. Ein Roman zu diesem Thema – der sich wahrscheinlich zu einem Thriller entwickeln wird – ist übrigens gedanklich gerade in Arbeit. 🙂

Falls sich jemand näher mit dem Thema beschäftigen möchte, hier sind einige Buchempfehlungen, die ich auch als Quelle für diesen Blogbeitrag benutzt habe:

1) Michael de Ridder: „Heroin – vom Arzneimittel zur Droge“. Campus-Verlag, Frankfurt am Main; 224 Seiten; 48 Mark.
2) Pollmer/Warmuth: Lexikon der populären Ernährungsirrtürmer
3) Hans-Ulrich Grimm, Chemie im Essen

Weitere Quellen für diesen Blogbeitrag:

  1. Wikipedia
  2. http://trinklaune.de/2009/06/02/absinth-vin-mariani-laudanum-the-treacherous-three/
  3. http://io9.com/5896669/when-opium-was-for-newborns-and-bayer-sold-heroin
  4. http://www.abovetopsecret.com/forum/thread607246/pg1
  5. http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-16748368.html
  6. http://www.deutschlandradiokultur.de/der-cocain-wein.993.de.html?dram:article_id=154348

Ach ja, mein Buch mit Aleister Crowley gibt es auch noch immer zu kaufen:

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